Das große Ideensterben


Ich bin angestellter Webentwickler und nebenbei als Kleinunternehmer tätig. Meine nebenberufliche Tätigkeit beschränkt sich allerdings auf das Erstellen und Betreiben von eigenen Projekten – Kundenprojekte nehme ich nicht mehr an.

Wie viele andere Webentwickler bin auch ich immer am Tüfteln und Planen, am Entwickeln und Konzeptionieren. Ständig rasen irgendwelche Ideen durch meinen Kopf, die umgesetzt und veröffentlicht werden wollen.

Und jeden Tag kommen neue Ideen hinzu. In diesem Beitrag möchte ich einmal darauf eingehen, was meist passiert, wenn mir Ideen in den Kopf kommen und ich versuche, sie umzusetzen.

Phase 1: Oh Gott, das ist das nächste Twitter/Facebook/Expedia

Zu Beginn ist es immer ein sehr kleiner, unbedeutender Auslöser, welcher den Stein ins Rollen bringt. Eine schlechtgemachte Website („das kann ich besser“), eine Fragestellung in einem Forum („gutes CPC bei Adsense für diese Keywords“) oder einfach nur ein Allerweltsproblem, dessen Lösung für viele Leute hilfreich und für mich einträglich sein könnte.

Und schon geht es los. Die erste Idee blitzt im Kopf auf, und ich frage mich „Existiert zu diesem Thema schon eine Website?“. Und falls sie existiert: „Kann ich es besser machen?“.

Direkt nachdem ich zumindest die letzte Frage mit „Ja“ beantworten konnte, setze ich mich an eine (meist zu kurze) Keywordanalyse. Es gilt herauszufinden, ob ich mit diesen Keywords Geld verdienen kann. Ansonsten macht solch eine Website keinen Sinn. Die Hauptfragen, die sich mir stellen, sind u.a.

  • Wie oft wird nach diesem Problem bzw. diesem Keyword gesucht?
  • Wie gut kann ich Fragen beantworten und Probleme des Suchenden lösen?
  • Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit dieser Idee Geld verdienen kann?

Die letzte Frage ist ohne Zweifel die Wichtigste. Ohne die Möglichkeit, mit einer Idee Geld zu verdienen, macht das alles relativ wenig Sinn – zumindest, wenn man versucht, mit seiner Arbeit Geld zu verdienen.

Jetzt mal angenommen, dass ich wirklich denke, mit einer eigenen Lösung/ Website die Probleme der Besucher lösen oder ihre Bedürfnisse befriedigen zu können: Wieviel Zeit muss ich in ein solches Projekt stecken, um es zumindest soweit lauffähig zu bekommen, dass User es nutzen können und wollen? Und wie lange braucht es, um mit dieser Website überhaupt zu ranken?

Alleine die letzten Fragen sollten mich bei den meisten Ideen sehr früh davon abhalten, auch nur einen weiteren Gedanken in das „Projekt“ zu investieren. Meist gibt es für viele Probleme und Fragestellungen schon sehr gut aufgestellte Websites, die nur mit sehr viel Aufwand zu verdrängen sind.

Und doch ist es meist so, dass zu diesem Zeitpunkt bereits ein komplett fertiges Produkt in meinem Kopf existiert. Und dieser Zeitpunkt liegt meist maximal 30 Minuten nach dem Zeitpunkt der initialen Idee.

Es geht los… schon wieder

Während ich immer noch mehrere unfertige Projekte „auf Halde“ liegen habe, starte ich also mal wieder ein neues Projekt. Dieses mal ist es natürlich etwas Neues, etwas ganz Anderes, etwas, das dieses Mal schnell auf die Straße gebracht wird und endlich mal „richtiges“ Geld abwirft.

Na klar.

Die Wahl der richtigen Domain

Also geht es erst einmal daran, eine passende Domain zu finden. Sollte ich mal wieder eine EMD (Exact Match Domain) registrieren? Oder sollte ich eine Domain mit einem nichtssagenden Namen wählen und Branding betreiben?

Meist entscheide ich mich für eine Mischung aus beidem. Ich nutze meist Domains, in denen bereits das Keyword vorhanden ist. EMDs sind meist nicht mehr frei, daher wähle ich meist eine Mischung à la keyword-irgendwas.de.

Das resultiert nur aus meiner Überzeugung, dass Domains, welche das passende Keyword beinhalten, in den SERPs eher auffallen als reine Brand Domains.

Das liegt nicht nur daran, dass Google den Suchbegriff in der Description des Suchergebnis-Listings fett hervorhebt, sondern auch daran, dass eine Keyword-Domain dem Suchenden bereits suggeriert, dass auf dieser Website genau das Thema behandelt wird, welches ihn gerade umtreibt.

Und so beginnt die Reise in ein neues Abenteuer. Ich registriere die Domain beim Hoster meines Vertrauens und fange an, die neue Website zu konzeptionieren.

Die Konzeptphase – meist Quick and Dirty

Die Phase der Konzeption fällt bei mir meist sehr dürftig aus. Während ich im Kopf schon das fertige Produkt vor mir sehe, ist die Planung meist nicht mehr als ein paar kleine Gedankenstützen, die ich auf ein Blatt Papier kritzele.

So entwerfe ich wenigstens das grobe Design auf Paper und schreibe mir die Hauptfunktionen auf, die ich zuerst umsetzen will. Zu mehr reicht es dann meist nicht, da ich entweder etwas Anderes zu tun habe oder einfach nicht weiß, was ich noch alles aufschreiben soll.

MVP – Das Minimum Viable Product

Ich bin ein Verfechter des MVP-Prinzips. MVP steht für Minimum Viable Product und bedeutet in etwa „ein Produkt, welches die minimalen Anforderungen erfüllt und die notwendigen Funktionalitäten besitzt“.

Auf gut deutsch bedeutet es für mich: sobald das Projekt alle Basisfunktionen und ein brauchbares Design besitzt, schicke ich es auf die Straße. Das Produkt ist also vollkommen lauffähig und nutzbar, aber noch nicht wirklich geil.

Während dieser sehr frühen Phase mit den ersten Benutzern kann ich dann relativ schnell erkennen, wir die User mit dem Produkt umgehen und was noch besser gemacht werden kann oder sollte.

Und spätestens jetzt ist für die meisten meiner Projekte der Punkt gekommen, an dem ich es sich selbst überlasse.

Die Idee stirbt

So lasse ich dann das Projekt vor sich hinlaufen… im besten Fall generiert es einige Besucher oder Benutzer – aber mehr auch nicht.

Das Problem, welches dann auftritt, ist Folgendes: Während ich das Produkt online laufen lasse, fallen mir wieder neue Projektideen ein. Und mit diesen neuen Ideen (die ja soviel besser sind wie das  aktuell laufende Produkt) starte ich wieder von vorne und vernachlässige das alte Projekt.

Und irgendwann – spätestens wenn die jährliche Domainrechnung für das Projekt eintrudelt, werde ich an das Projekt erinnert und versuche dann es zu verkaufen (oder lösche es einfach).

So sind im Laufe der letzten zehn Jahre mit Sicherheit mehr als einhundert meiner privaten Projekte still und heimlich in’s Grab gefahren.

Ein paar der Projekte konnte ich zwar verkaufen, aber habe dabei niemals das Geld eingenommen, das ich hätte einnehmen müssen, um meinen Zeiteinsatz wenigstens halbwegs profitabel nennen zu können.

Was lerne ich daraus?

Eigentlich sollte ich aus diesen ganzen Todesfällen etwas lernen. Zum Beispiel, dass ich nur noch Projekte in Angriff nehme, die mich thematisch interessieren und in deren Thematik ich mich gut bis sehr gut auskenne.

Eigentlich sollte ich daraus auch lernen, dass ich nur dann neue Projekte anfange, wenn keine weiteren Projekte noch in der Pipeline sind.

Eigentlich sollte ich daraus lernen, dass ich nur etwas Neues anfange, wenn ich auch die Zeit dafür habe, das Projekt umzusetzen.

Eigentlich.

In Wirklichkeit habe ich genau jetzt vier Projekte gleichzeitig am Start… wie immer.

Geht es Euch auch so?

Mich würde wirklich einmal interessieren, ob ich der einzige Vollhonk bin, dem es so geht.

Oder gibt es auch andere Menschen, denen die Projekte „unter der Hand wegsterben“? Schreibt mir doch mal in die Kommentare, was Ihr darüber denkt und wie es Euch ergeht.

Edit:

Als kleine Randbemerkung: Ich habe sehr viel Spaß daran, neue Sachen auszuprobieren und neue Ideen anzutesten. Nur so bin ich überhaupt zum Webentwickler geworden. Ich lerne bei jedem Projekt etwas Neues, bilde mich damit quasi immer etwas weiter und nehme aus jedem Projekt immer neue Erfahrungen mit.

Und ja, ich stimme vollkommen zu: Mach etwas, mit dem Du Dich auskennst, an dem Dein Herz hängt. Genau aus diesen Gründen bin ich gerade dabei, neue Projekte zu starten, die mir am Herzen liegen :)

Veröffentlicht von

Christian Hänsel

Web-Entwickler, SEO-Experte. Ich liebe technisches SEO, die Entwicklung von neuen Ideen und alles rund um das Internet… ja, ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und gehe auch Montags gerne zur Arbeit.

Ein Gedanke zu „Das große Ideensterben“

  1. Punkt getroffen! Es ist halt auch was Positives, wach und aufmerksam durchs Leben zu gehen und Sachen zu versuchen. Ohne Mut, würde alles in vorgefertigten Bahnen verlaufen. Ich hab allerdings auch festgestellt, dass es langfristig ohne eine Beziehung (Interesse, Erfahrung oder Erlebnis) zum Thema allerdings nicht klappt. Es geht ja langfristig darum, ein Thema zu durchdringen, um einen Mehrwert zu bieten und eine kompetente Perspektive zu bieten.

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