Der Entwickler-Tunnel - was ein Chef darüber wissen sollte

Der Tunnel – und was ein Chef darüber wissen sollte

Jeder Entwickler kennt ihn. Viele Chefs kennen ihn nicht – sollten ihn aber kennenlernen. Den Tunnel.  Was ist der Tunnel? Und was soll der ganze Hype rund um den Tunnel? In diesem Beitrag möchte ich auf meine persönlichen Tunnel-Erlebnisse eingehen und den Nichtwissenden einen kleinen Einblick geben.

Kleine Anmerkung vorab: Ich schreibe hier immer vom „Entwickler“, obwohl es natürlich auch viele andere Berufe gibt, auf die dieser Beitrag sehr gut passen dürfte. Aber da ich aus der Entwicklung komme, bleibe ich gerne bei diesem Bild. Man mag es aber bei Bedarf auf die eigene Situation bzw. das eigene Berufsbild adaptieren.

Und ja, ich rede hier immer vom Entwickler (männlich). Dieser Beitrag spricht aber von der Spezies Entwickler – und umfasst natürlich auch die Damen sowie dem „D„. Der Lesbarkeit halber gendere ich diesen Beitrag nicht.

Was ist der Tunnel?

Der Tunnel, oder auch „Der Flow“ oder „Hack mode“, ist ein Zustand absoluter Konzentration. Viele Programmierer und Entwickler kennen das Gefühl: Du bist „voll drin“, nimmst Deine Außenwelt nicht mehr wahr und merkst manchmal erst nach Stunden, dass eigentlich schon Feierabend ist.

Der Tunnel ist also ein Zustand maximaler Konzentration auf eine Aufgabe. Wenn ich „im Tunnel“ bin, habe ich die Aufgabe von A bis Z vor dem inneren Auge, inklusive aller Schritte, die bis zum Punkt Z notwendig sind.

Wenn es dir schwerfällt, dir diesen Zustand vorzustellen, hilft dir vielleicht dieses Beispiel:

Stell dir vor, du sollst morgen die Strecke von Hamburg nach München fahren. Über Landstraßen – ohne Autobahnen zu nutzen. Und natürlich ohne Navi oder Karte.

Im Kopf planst du nun also die Strecke, fährst sie im Kopf ab, merkst dir jede Stadt, jede Abzweigung, die du nehmen solltest – und die Alternativen, falls eine Strecke gesperrt sein sollte.

Jetzt bist du im Kopf aus Hamburg raus, fährst durch Lüneburg, an Hannover vorbei, dann weiter nach Süden nach … und dann kommt der Kollege.

Und raus bist du. Das klingelnde Telefon, der berühmte Shoulder Tap eines Kollegen oder der Chef, der nur mal kurz etwas besprechen möchte. Egal, alle haben eines gemeinsam: sie bringen dich raus aus dem Tunnel, zerstören deine Konzentration.

Und egal, wie kurz diese Unterbrechung ist: sie bringt dich komplett raus. Um dich wieder hineinzufinden, geht du nach der Unterbrechung im Kopf wieder zurück an die Stelle, die du als letztes abgefahren bist. Warst du nun in Nienburg? Oder Naumburg? Okay, zurück nach Lüneburg, denn da warst du mit Sicherheit. Und ab hier noch einmal von vorne.

Was ich mit diesem kleinen Erdkunde-Kurs zeigen möchte, ist Folgendes: Ein Entwickler hat immer das gesamte Projekt vor Augen. Wenn er an Punkt C etwas ändert, hat das nicht nur Auswirkungen auf die Punkte F und J, sondern auch auf die Punkte M27 und Z13. Und er weiß zu jeder Zeit, welche Auswirkungen welche Änderungen an welchem Pnkt in der Software haben werden. Er kennt alle Funktionen, Datenbanktabellen und Endpoints.

High Efficiency Code Generator

Ein Entwickler, der gerade im Tunnel ist, ist in diesem Moment ein Hochleistungs-Code-Generator. Das ist nicht nur ein blöder Spruch, sondern umschreibt es meiner Meinung nach sehr genau. Was man als Entwickler in diesem Zustand innerhalb von vier Stunden erreicht, wird in einer normalen Arbeitswelt mit Besprechungen, Telefonaten, E-Mails und anderen Ablenkungen gut und gerne auch mal einen oder zwei Arbeitstage dauern.

Ablenkungsfreies Arbeiten

Ein Entwickler wird wissen, wann und wie er sich von seiner Umgebung abschotten muss (oder will), um seine Aufgabe zu erledigen und „in den Flow“ zu kommen.

In lauten Arbeitsumgebungen sind Kopfhörer von Vorteil. Damit kann man seine Lieblings-Coding-Playlist abspielen (ja, so ziemlich jeder Coder hat so etwas), oder sich einfach nur von der Außenwelt abschotten.

Ich habe persönlich das „Problem“, dass ich extrem empflindlich auf Musik reagiere. Manche Musik bringt mich „voll in den Flow“, andere hingegen lenkt mich dermaßen ab, dass ich mich wirklich schlecht konzentrieren kann.

Auch Gespräche in meiner Umgebung lenken mich oft ab, so dass es für mich sehr schwer wird, „in den Tunnel“ zu kommen. Deshalb trage ich sehr gerne Kopfhörer – und wenn es nur ist, um die Umgebungsgeräusche auszugrenzen.

Abschalten

Wenn ich weiß, dass ich in den nächsten Stunden absolute Konzentration benötige, schalte ich ab – wortwörtlich. E-Mail-Programm aus, Handy auf „lautlos“, Telefon stummschalten oder rausziehen, Kopfhörer rein und ab in den Tunnel.

Chefs sollten den Tunnel kennen

Ich finde, Chefs sollten vom Tunnel erfahren. Sie sollten wissen, dass es ihn gibt, wozu er da ist, was er unternehmerisch bringt (er ist wichtig!) und dass er Berücksichtigung finden sollte. Siehst du einen Entwickler mit Kopfhörer auf den Ohren? Störe ihn wirklich nur, wenn es absolut notwendig ist (Brand im Gebäude, Trump wurde abgesetzt). Ansonsten: Lass ihn machen, denn er ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gerade 90% produktiver, als du es heute warst.:)

Was kann ein Chef tun, um die Produktivität zu erhöhen?

Als Chef, Abteilungs- oder Teamleiter kann man die Arbeitsumgebung so gestalten, dass die Entwickler möglichst effizient arbeiten können.

Um einmal beim Berufsbild des Entwicklers zu bleiben – hier einige Vorschläge, wie man den Entwickler in seiner Arbeit gut unterstützen kann. Diese Liste kann natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, und natürlich sind diese Vorschläge sehr subjektiv verfasst und durch meine eigenen Erfahrungen als Entwickler entstanden.

Sorge für die Möglichkeit, ablenkungsfrei arbeiten zu können

Nicht jeder Entwickler benötigt ein eigenes Büro. Manche möchten dies vielleicht gerne, und wenn du als Chef die Möglichkeit zur Umsetzung hast: mach es! Es wird sich langfristig lohnen.

Auch eine Möglichkeit: Fähnchen am Monitor, die signalisieren, dass man nicht gestört werden möchte.

Ruhige Räume sind eine Lösung

Hast du nicht die Möglichkeit, deinem Entwickler ein eigenes Büro zu geben, sorge dafür, dass er sich in ruhige Bereiche zurückziehen kann. Diese Räume sollten aber auch von allen Mitarbeitern als solche behandelt werden. Siehe dazu auch den nächsten Punkt:

Sorge für Regeln

Regeln helfen, dass alle Kollegen wissen, was zu beachten ist. Oftmals verstehen manche Kollegen das Abkapseln der Entwickler falsch. Es wird dann vielleicht vermutet, dass dieser Entwickler ein Einzelgänger ist, kein Teamplayer, oder „er mag uns einfach nicht“. Diese Annahmen sind aber oftmals einfach falsch.

Es sollten daher Regeln aufgestellt werden, die zuvor mit dem Entwickler (oder dem Entwickler-Team) abgesprochen werden sollten.

Hier einige Vorschläge, die dem Entwickler das Leben im Büroalltag erleichtern können:

  • Hat der Entwickler einen Kopfhörer auf bzw. in den Ohren: nicht stören! Das gilt für alle Kollegen und auch Chefs.
    Auch nicht „nur mal kurz“. Auch kein „Kannst du mal eben gucken?“. Gar nicht.
  • Gönn‘ dem Entwickler gute Noise Cancelling Kopfhörer. Ja, richtig verstanden: kaufe dem Entwickler gute Kopfhörer. Lass ihn den Kopfhörer aussuchen. (Wie er übrigens auch seine andere Hardware selbst aussuchen sollte – das ist unser Werkzeug!). Sei nicht geizig – es zahlt sich für dich aus!
  • Keine Ad-Hoc-Meetings mitten am Tag. Wenn du möchtest, dass dein Entwickler konzentriert arbeiten kann, sorge dafür, dass keine Ad-Hoc-Meetings seinen Tag unterbrechen. Plane Meetings im Voraus, damit er seine Arbeit entsprechend einteilen kann.
  • Hat der Entwickler kein eigenes Büro, sorge für Rückzugsmöglichkeiten. Manchmal muss man „einfach mal raus“, weg von den Telefonen, den umherlaufenden Kollegen oder der permanenten Radiobeschallung. Und verstehe bitte auch, dass eine geschlossene Tür „Jetzt nicht“ bedeutet.
  • Ein „Nein“ akzeptieren. Wenn dein Entwickler sagt, dass er gerade nicht kann – dann ist das so. Vermutlich auch aus gutem Grund. Akzeptiere ein Nein und komm einfach später wieder oder schick eine Mail.

Entwickler sind im Großen und Ganzen nicht „nicht teamfähig“ und wollen auch nicht „immer alleine sein“. Auch Entwickler lieben es, im Team zu arbeiten, Spaß zu haben und sich auszutauschen. Es sind auch nicht alle Entwickler so, wie ich es hier beschreibe. Aber sehr, sehr viele Entwickler, die ich kenne, denken so oder so ähnlich. Frag deinen Entwickler doch einfach mal.

Und bevor ich es vergesse: Vertraue deinem Entwickler. Natürlich möchtest du als Chef, Abteilungs- oder Teamleiter wissen, was er gerade macht. Aber vertraue ihm, dass er gerade jetzt, mit Kopfhörern auf den Ohren, für dich arbeitet und gib ihm zu verstehen, dass du die Notwendigkeit erkennst und er sich nicht schlecht fühlen muss.

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