Hire slow – fire fast. WTF?!?

Heute las ich auf dem Portal „Deutsche-Startups“ ein Interview mit Moritz Buhl, dem Boss meiner liebsten Rechnungssoftware „invoiz“, welche ich hier schon einige Male über den grünen Klee gelobt und vorgestellt habe.

Der selbstvergebene Grundtenor des Interviews, wie er von invoiz auf Facebook geteilt wurde: „Hire slow, fire fast“. Dazu habe ich auch eine Meinung, die ich hier gerne wiedergeben möchte.

Moritz Buhl - invoiz - Hire slow, fire fast
Moritz Buhl – invoiz – Hire slow, fire fast

Der erste Satz im von invoiz auf Facebook geteilten „Deutsche-Startups“-Beitrag lautet:

Hire slow, fire fast.

Echt jetzt? Ist das eine tragfähige Unternehmenskultur?

Hire slow – das nehme ich noch fraglos hin. Man sollte als Unternehmer natürlich darauf achten, dass die neuen Mitarbeiter nicht nur ins Team passen, sondern auch den Anforderungen gerecht werden. Natürlich sollten Bewerber die technischen Kenntnisse mitbringen, um in einem Software-Unternehmen wie Buhl oder invoiz gewinnbringend  tätig zu sein.

Was mich an der Aussage des Herrn Buhl stört ist der zweite Teil: „fire fast„. Was soll das bedeuten? Wer wird denn schnell gefeuert? Mitarbeiter, die ein gewisses Soll nicht erfüllen, deren KPI nicht stimmen? Und über welchen Zeitraum wird sich das gefühlte „Versagen“ denn seitens der Geschäftsführung angesehen, bevor der Mitarbeiter aus dem Team entfernt wird?

Ich finde den Gedanken, dass man als Mitarbeiter ständig um seinen Arbeistplatz fürchten muss, sehr befremdlich. Natürlich stimme ich mit Herrn Buhl überein, dass Mitarbeiter, welche dem Unternehmen nicht förderlich sind, langfristig gehen sollten.

Für mich hört sich diese Aussage aber an, als würde der Einzelne Mitarbeiter als Teil des Teams nicht wertgeschätzt werden. Hinter jedem Menschen steht eine Persönlichkeit mit einer Geschichte. Jeder hat mal gute und schlechte Tage. Und eben auch Tage, an denen die Leistungsfähigkeit nicht bei 100% liegt.

Gerade in der Softwareentwicklung ist es doch so, dass man als Entwickler nicht acht Stunden zu 100% abliefern kann. Liegt eine knackige Aufgabe vor einem, auf die man sich zu 100% konzentriert, ist man schnell mal nach vier Stunden so ausgelaugt, dass man den Rest des Tages nur noch „Kleinkram“ machen kann. Das gefühlt vorhandene Verlangen, dass Mitarbeiter ständig hochperformant Leistung bringen müssen, ist gerade in unserer Branche sehr schwierig – wenn überhaupt – zu erfüllen.

Die folgende Aussage von Herrn Buhl möchte ich auch noch einmal etwas hervorheben, denn auch sie hat für mich zwei Gesichter:

Mittlerweile hat bei uns jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter fest messbare Verantwortungsbereiche, in denen ihre oder seine jeweilige Expertise ideal zur Geltung kommen kann.

Nehmen wie hier einmal den Satz auseinander. Der für mich positive Teil der Aussage lautet „Mittlerweile hat bei uns jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter Verantwortungsbereiche, in denen ihre oder seine jeweilige Expertise ideal zur Geltung kommen kann.“

Top! Lasst die Leute machen, was sie gut können. Jede/r zeigt in seinem oder ihrem Verantwortungsbereich seine oder ihre Expertise – und trägt damit zum Erfolg des Unternehmens und damit verbunden auch zur Sicherung des eigenen Arbeitsplatzes bei.

Zwei Worte in der Aussage stören mich: „fest messbare„.

Wie misst man bei Buhl/invoiz denn die Verantwortungsbereiche? Was sind die KPIs? Im Kunden-Support etwa die Anzahl der beantworteten E-Mails? In der Entwicklung die geschriebenen Zeilen Code?

Gerade, wenn man als Team (ich rede hier nur vom Entwicklungsteam, denn mit Entwicklung kenne ich mich aus) an einer einzigen Softwarelösung arbeitet, sind „Erfolge“ des Einzelnen nur sehr schwer messbar.

Oder sollte man hier messen, wie schnell ein Feature „auf die Straße gebracht“ wird? Ich denke: eher nein. Features, gerade im von invoiz bespielten Marktsegment, müssen sehr gut durchdacht, geplant, absolut sicher programmiert und immer und immer wieder auf Schwachstellen und Sicherheitslücken getestet werden, bevor sie der Öffentlichkeit präsentiert werden können. Das dauert. Und es dauert oftmals länger, als der hauptsächlich auf Zahlen schauende Unternehmer gerne möchte.

Klar kann man Features schnell rausbringen – nur oftmals ist das dann unsauber. Ich sage nicht, dass bei invoiz Features rausgehauen werden, ohne sie vorher zu testen – zumindest nicht in der originalen Web-App. In der Android-App hatte ich zumindest schon einmal das Gefühl, dass hier „mit heißer Nadel gestrickt“ wird und Features an der Live-Version getestet werden, um sie evtl. möglichst schnell auf die Straße zu bringen.

Habe ich ein Beispiel für eine solch unsaubere Feature-Testing-Geschichte? Oh ja, habe ich. Und das Beispiel kommt von niemand anderem als invoiz :) Ich hatte ernsthaft überlegt, ob ich das hier anbringen sollte oder eher nicht. Aber ich glaube, dass dies ein gutes Anschauungsobjekt dafür ist, dass Features (auf DEV, nicht auf PROD) getestet werden sollten, bevor sie an die Endkunden geraten.

Wie auf dem Screenshot meines Smartphones zu sehen ist, hat mir die invoiz-Andoid-App am 09. Januar 2018 ab 06:48 Uhr mehrere Push-Notifications mit dem Titel „Advance Pay Title“ und dem Inhalt „Invoiz Pay Message“ geschickt.

Natürlich habe ich keine Ahnung, was dahinter steckt. Ein in invoiz integriertes Zahlungssystem? Eventuell sogar eines, das mir eine Push-Mitteilung schickt, wenn die Rechnung gezahlt wurde? Das fänd ich super. Quasi töfte. Aber: Wieso erhalte ich diese Push-Meldung? Wieso in einer PROD-App? Sollte so etwas nicht in DEV getestet werden?

Solche „Schnitzer“ schrecken mich als Kunden ab. Ich vetraue invoiz meine Daten und die meiner Kunden an. Ich möchte, dass alles sauber und sicher ist. Und getestet.

Das kostet Zeit. Und – na klar – auch Geld. Aber: Bei einer App wie invoiz ist es das Wert, denn wenn invoiz weiterhin so geil ist wie es aktuell ist wird sie sich weiter verbreiten, empfohlen werden und am Markt bestehen können.

Neue Features sollten also (nicht auf PROD) getestet, getestet und getestet werden. Das passiert meiner Meinung nach sehr gut im Bereich WebApp, mit der ich bisher keine Probleme hatte. Die WebApp war (soweit ich weiß) immer sauber, gut getestet und solide programmiert.

Ein fehlerhaftes Testing, nur um schnell etwas Neues rauszubringen, kann nicht Sinn der Sache sein.

Also fällt meiner Meinung nach auch dieser messbare „KPI Feature-Release-Speed“ weg.

Mich würde wirklich interessieren, wie bei Buhl die „Verantwortungsbereiche“ gemessen werden. Und wie schnell dann aufgrund der Messungen Mitarbeiter aus dem Team entfernt werden.

Und als letzten Gedanken: „Fire fast“ ist absolut tödlich für den Teamgeist und das „Ich bin das Unternehmen“-Gefühl.

Als kleines Beispiel möchte ich hier sehr gerne meinen ehemaligen Chef vorstellen. Er hat jeden Mitarbeiter gekannt. Seine Vorteile und seine Nachteile. Er kannte von allen (> 20) Mitarbeitern die Familiengeschichten und oftmals auch die Familienmitglieder selbst. Er nahm sich Zeit, um mit den Menschen zu interagieren, er half, wo er nur konnte und war immer fair. Bei ihm hatte man das Gefühl, ein Teil der Firmen-Familie zu sein. Besser gesagt: Man wusste, man ist ein Teil der Firma. Geht es der Firma gut, geht es mir gut. So einfach war das. Und man freute sich jeden Tag darauf, bei ihm zu arbeiten.

Wenn ich lese „Hire slow, fire fast“ bewirkt das in mir genau das Gegenteil. Als Angestellter hätte ich nach dem Lesen des Interviews das Gefühl, dass ich, wenn meine „Zahlen“ (wie auch immer diese gemessen werden) nicht passen, um meinen Arbeitsplatz fürchten muss.

In so einem Fall würde ich zusehen, immer eine zweite Option im Hintergrund zu haben. Ich würde mich nach Alternativen umsehen. Und: Ich würde mich nicht wohlfühlen, unter einem solchen Chef zu arbeiten.

Mein Fazit

Was denke ich nun darüber? Hier mal meine „2 Cents“, mein Fazit, was ich tun oder lassen würde. Quasi ein „Was würde ich machen, wenn ich Herr Buhl wäre?“.

Morgens nach dem Aufstehen greife ich eigentlich immer zuerst zum iPad, um zu schauen, wie sich unsere Kennzahlen so entwickeln.

Listen to your devs.

Anstatt allmorgendlich nach dem iPad zu greifen würde ich als Chef eher mal einen Tag mit den Entwicklern der Software verbringen und mir anhören, was sie denken. Diese Leute kennen das Produkt wie kein Anderer. Welche Sorgen haben sie im Zusammenhang mit dem Produkt? Welche Features sehen sie als wichtig an? Wie kann man nach Meinung der Entwickler das Produkt verbessern?

Wertschätzung statt Bangemachen

Wie Herr Buhl im Interview sagt, besteht sein Team aus Spezialisten. Und genau diese Spezialisten sollte er sich sichern. Die Firma invoiz liegt ziemlich genau 25km von meinem Heimatort entfernt. Ich kann mir sehr gut vorstellen wie schwer es für solche in Unternehmen ist, passende Spezialisten nach Detmold zu bekommen. Das hier ist Lippe, nicht Berlin, Hamburg oder München. Niemand will hierhin.

Aus diesem Grund würde ich an Herrn Buhls Stelle alles Mögliche daran setzen, seine Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden. Und zwar in einer Art und Weise, welche die Mitarbeiter morgens gerne in die Firma kommen lässt. Nicht „Wenn Du nicht so oder so läufst, bist Du raus!“, sondern eher „Ich weiß um Deine Qualitäten und bin davon überzeugt, dass Du unser Produkt, unsere Firma, unser Baby nach vorne bringst.“

Fragen Sie Ihre Kunden

Lieber Herr Buhl:

Fragen Sie doch einmal Ihre Kunden. Ernsthaft: Machen sie eine Befragung. Was denken Ihre Kunden über Ihr Produkt? Wollen Sie meine Meinung haben? Sehr gerne. Lesen Sie doch einmal alles, was ich auf diesem Blog über invoiz geschrieben habe.

Ich bin begeistert von Ihrem Produkt. Von Ihrem Team, welches mir schon so manches Mal weitergeholfen hat.

Sie haben ein absolut geiles Produkt und ein tolles Team. Einzig Ihre Aussagen in dem Interview bringen mich zum Nachdenken. Wäre ich in Ihrem Team oder Unternehmen, würden mir Ihre Aussagen Sorge bereiten.

Ich hoffe, dass es bei mir nur „falsch rüberkam“ und Sie es nicht so meinten, wie ich es aufgefasst habe.

 

Veröffentlicht von

Christian Hänsel

Web-Entwickler, SEO-Experte. Ich liebe technisches SEO, die Entwicklung von neuen Ideen und alles rund um das Internet... ja, ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und gehe auch Montags gerne zur Arbeit.

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