Ausbeuter gesucht! Jobsuche als Webentwickler


Wer meinen Blog öfter liest, mich „im echten Leben“ kennt oder einfach meine „Über mich„-Seite liest, weiß es: Ich bin Webentwickler. Mit Leib und Seele. Dies ist mein Traumberuf. Ich habe mein Hobby zum Beruf machen dürfen. Um es kurz zu machen:

Ich mache das, was mir Spaß macht – und jemand bezahlt mich dafür!

Leider hat sich dies im Mai 2014, nach mehr als sieben Jahren in dieser Firma, geändert. Ich musste gehen. Ja klar, die Welt brach zusammen. Unser vor zwei Jahren gekauftes Haus, unsere Autos, unser Leben-Stil: All dies schien nun bedroht zu sein.

Natürlich fing ich sofort an, Bewerbungen zu schreiben. Ich schrieb Email- und Online-Bewerbungen an Agenturen im Umkreis von 50km. Ich nahm an einem (übrigen sehr guten) VHS-Kurs zum Thema Bewerbungen teil. Für manche Agenturen entwarf ich sogar komplette Websites, mit denen ich mich vorstellte. Man muss in meiner Branche einen Eindruck hinterlassen. Der Markt ist definitiv überrannt – von echten Entwicklern und solchen, die sich so nennen. Und von letzteren gibt es viele!

Der Sohn vom Kollegen macht das für ’nen Fuffi

Es gibt so viele Leute, die sich Web-Entwickler nennen. Doch viele wissen dabei gar nicht, was dieser Job eigentlich beinhaltet. Wenn ich mit Leuten rede, Angebote unterbreite (ja, ich bin nebenbei selbständig), höre ich oftmals: „Das kann doch nicht so teuer sein“. Meist hat ein Kollege, Bekannter oder Freund vor kurzem auch eine Website bekommen und hat dafür „dem Sohn des Kollegen“ nen Fuffi in die Hand gedrückt. Der Markt an diesen Leuten ist groß. Die Freelancer-Börsen sind überrannt von Leuten, die sich gegenseitig unterbieten.

In diesen Freelancer-Börsen sind Coder aus Ländern wie Indien stark vertreten, die oftmals zu Dumpingpreisen arbeiten und schnell Ergebnisse liefern. Dort sitzen dann Programmierer in Gruppen zusammen und arbeiten für einen Hungerlohn für den Boss, der auf den Börsen die Preise drückt. Aus diesem Grund verdinge ich mich nicht auf den Freelancer-Börsen.

Die Kultur in Deutschland – Ausbeuter und Sklaven

PublicDomainPictures / Pixabay

Ja okay, ich gebe es zu, der Titel ist reißerisch. Aber wer in meiner Branche arbeitet und sich schon einmal bewerben musste, kennt das Gefühl von dem ich hier schreibe. Man verdingt sich zu miesen Konditionen, um überhaupt überleben zu können.

Ich möchte hier auf zwei Bewerbungsgespräche eingehen, die ich in diesem Jahr geführt habe. Das eine Gespräch fand in einer schönen Kneipe in Bielefeld statt und mein Gesprächspartner war Geschäftsführer/Partner einer größeren Agentur in OWL.
Das zweite Gespräch führte ich mit dem Geschäftsführer einer kleinen 3-Mann-Agentur, deren weitere Details ich hier nicht nennen werde.

Die größere Agentur nordete mich gleich von vornherein ein: Bei uns gibt es kein „Nine-to-Five“, Überstunden sind selbstverständlich und „gehören jawohl in unserer Branche dazu“.

Ja, ehm, klar… 9-to-5 ist eh nicht meins, ich bin eher der Typ für 6-to-3. Ich habe einen Sohn und eine Frau und möchte mit diesen soviel Zeit wie möglich verbringen. Dummerweise sah mein Gegenüber das etwas anders… Arbeitsbeginn um 8 Uhr, angestrebter Feierabend gegen 18 Uhr, zwischendurch eine halbe Stunde Pause. Überstunden gehören dazu und sind nicht gesondert zu vergüten.

Ganz im Ernst: Ich hätte diesen Job angenommen, denn meine Gehaltsvorstellung schreckte die Agentur nicht ab (Meine Gehaltsvorstellung lag in etwa bei meinem alten Gehalt). Dummerweise bekam ich gar nicht die Chance, diesen Job anzutreten, da sich der Mensch nie wieder bei mir meldete. Keine Absage, keine „Wir vertrösten Sie noch ein wenig, melden Sie sich bitte nicht bei uns“- Nachricht, … nix. Man hätte mir wenigstens sagen können, dass es nichts wird.

Die zweite Agentur (Ihr wisst schon, die 3-Mann-Agentur) wollte mich gerne haben. Ich hatte sogar schon einen Vertrag vorliegen. Doch ich zögerte, diesen zu unterschreiben. Was mich reizte war, dass ich viel Neues lernen würde. Was mich abschreckte war das Gehalt. Es lag mehr als 100 Euro unter meinem Arbeitslosengeld. Und natürlich sollte ich jeden Tag bis 17:30 Uhr im Betrieb sein. Na danke.

Viele andere Bewerbungen verliefen im Sande. Selten bekam ich Rückmeldung auf meine Bewerbung. Nur manche nahmen sich dann doch die Zeit, auf meine Mail zu reagieren.

Was mich sehr freute war, dass sich manche Geschäftsführer bzw. Inhaber ernsthaft mit meiner Bewerbung befassten. So fragte ein Inhaber nach meinen Referenzen und Kenntnissen und schrieb mir, dass ich leider für die zu besetzende Stelle als „Junior Developer“ überqualifiziert sei und ich daher eher als „Senior Dev“ in Frage käme.

Andere wiederum erzählten mir ganz offen, dass sie Entwickler-Stellen durchweg mit Studenten besetzten, was definitiv weniger kostenintensiv ist.

Mein Fazit

Billiglöhner gibt es in meiner Branche mehr als genug. Es gibt genügend studentische Hilfskräfte, die komplette Websites „programmieren“ und dabei nicht verstehen was sie tun, da sie sämtlichen Code entweder von StackOverflow oder von PHP.net kopiert haben. Es gibt viele Ausbeuter / Ausbeuter-Agenturen, die Billiglöhner beschäftigen und zeitgleich ihren Kunden zigtausende Euros aus der Tasche ziehen, damit sie schön mit dem BMW-Cabrio durch die Gegend blasen können.

Es ist an der Zeit, dass es in der professionellen Web-Entwicklung eine Neuausrichtung auf Qualität und Mitarbeiterbindung gibt. Viele große amerikanische Firmen machen es seit Jahren vor. Doch viele deutsche Unternehmen haben immer noch die verehrte Denke und quetschen ihre Mitarbeiter aus solange es eben geht, um sie dann zu ersetzen.

Ich hoffe, dass ich bei meinem jetzigen Arbeitgeber lange bleiben und an der Erfolgsgeschichte des Unternehmens mitarbeiten darf.

Nicht nur, weil es mir hier wahnsinnig gut gefällt.


Ich habe nämlich auch keine Lust, mich wieder mit Agenturchefs zusammensetzen zu müssen, die meinen, ich sei ein weiterer kleiner Coding-Monkey in ihrem System.

Veröffentlicht von

Christian Hänsel

Web-Entwickler, SEO-Experte. Ich liebe technisches SEO, die Entwicklung von neuen Ideen und alles rund um das Internet... ja, ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und gehe auch Montags gerne zur Arbeit.

5 Gedanken zu „Ausbeuter gesucht! Jobsuche als Webentwickler“

  1. Schöner Artikel. Spricht mir aus der Seele. Die Freelancer Börsen sind der Teufel! Hass!
    Als Freelancer mit Agenturen ist OK und man lernt einiges dazu. Ist zwar nicht so lukrativ aber man kann davon Leben und eine Familie ernähren. Und das beste: Kein 9-5 Job und extrem spannende und unterschiedliche Aufgaben. Klar dafür auch öfter am Wochenende. Aber dann auch mal Montag einfach liegen bleiben und auf Twitter Montagstweets lesen und sich amüsieren ;)

  2. Danke, schöner Beitrag! Ich kann mich in dem Sinne damit indentifizieren, da ich seit 2012 selbstständige Webdesignerin bin und alles was du gesagt hast, kann ich wirklich unterschreiben. Es ist nicht einfach hier Fuss zu fassen. Was jeder einzelne tun kann? Sich als Designer und Entwickler nicht unter Wert kaufen zu lassen. Ich meide ebenso Designerportale zu Dumpingpreisen und hoffe das Bewusstsein der Menschen sich irgendwann wieder Richtung Qualität statt Quantität ändert.

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